Hört die Trauer auch wieder auf?
Trauerzeit
„Ein Jahr ist es nun schon her. Langsam musst du doch mal wieder nach vorne blicken.“ Sätze wie dieser fallen oft, wenn das sogenannte „Trauerjahr“ vorbei ist. Im Außen entsteht der Eindruck, nach 365 Tagen müsse ein Schalter umgelegt werden.
Doch die Realität im Inneren sieht meist ganz anders aus.
Trauer hält sich nicht an den Kalender. Sie ist ein Prozess, der die Zeit braucht, die sie eben braucht.
Bleibt Trauer für immer?
In vielen Texten liest man heute, dass Trauer ein lebenslanger, unveränderlicher Begleiter bleibt. Dazu wird oft gesagt, Trauer ist Liebe, die keinen Empfänger mehr hat.
Aus meiner Sicht wird hier Trauer mit der Verbundenheit zum Verstorbenen verwechselt.
Sätze wie „Trauer bleibt für immer und Trauer ist Liebe“ sollen trösten, Verbundenheit zeigen, lösen aber oft das Gegenteil aus:
Sie machen Angst vor einer ewigen, lähmenden Schwere. Angst von der Trauer vereinnahmt zu werden. Einige halten an der Trauer fest, weil sie an der Liebe festhalten wollen – daher stehe ich diesem Satz sehr kritisch gegenüber.
Als Sterbeamme erlebe ich, dass das so nicht stimmt. Der akute, schmerzhafte Prozess der Trauer bleibt nicht für immer in seiner zerstörerischen Wucht. Er verändert sich. Er verwandelt sich in etwas Neues – vielleicht in eine hoffnungsvolle Perspektive für das Weiterleben…. Die Liebe bleibt unverändert, auch wenn der Schmerz weniger geworden ist.
Veränderung der Trauer
Die lähmende Trauer geht irgendwann. Was bleibt, ist nicht der Schmerz. Bleiben können zum Beispiel Erinnerungen, Liebe, Verbundenheit uvm…
Auch die Beziehung darf weiterleben.
Nur weil jemand gestorben ist, bedeutet das nicht, dass die Beziehung beendet ist. Sie verändert lediglich ihre Form. Sie verändert sich von einer äußeren zu einer inneren Beziehung. Und diese innere Beziehung darf und sollte gepflegt werden. Ein Platz am Tisch an Geburtstagen, das Weiterführen von liebgewonnenen Ritualen oder das Sprechen mit dem Verstorbenen. All das ist eine gesunde, lebendige Beziehungsarbeit.
Trauer ist keine Krankheit, die man überwinden muss, sondern ein Wandlungsprozess. Trauer kann zur Diagnose werden, muss jedoch nicht. Zu allererst ist sie ein natürlicher Prozess, der den Abschied begreiflich macht und in ein Leben mit neuer Perspektive führen kann.